Ausgangslage und Zielsetzung
Die Schweizer Abfallwirtschaft gehört zu den fortschrittlichsten weltweit. Sie basiert auf Abfallvermeidung, Recycling und energetischer Verwertung. Nicht wiederverwendete Abfälle, darunter auch Kunststoffe, werden derzeit oft in Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) energetisch verwertet. Dabei entsteht Energie, die teilweise als erneuerbar eingestuft wird. Ob diese Klassifizierung bei der Verbrennung von Abfällen fossilen Ursprungs gerechtfertigt ist, wird jedoch infrage gestellt. Gleichzeitig wird auch diskutiert, ob insbesondere Kunststoffabfälle nicht vermehrt stofflich verwertet werden sollten, um Kreisläufe zu schliessen.
Vor diesem Hintergrund haben wir im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE) untersucht, wie gross das Potenzial zur zusätzlichen stofflichen Verwertung von Kunststoffen in der Schweiz ist. Grundlage bildet die seit 2025 geltende Abfallhierarchie, die eine stoffliche Verwertung priorisiert – sofern sie technisch, ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Methodisches Vorgehen
Für die Analyse haben wir bestehende Daten ausgewertet und diese mit Literaturanalysen sowie Expertengesprächen ergänzt. Anschliessend wurden die Kunststoffabfälle in drei Kategorien eingeteilt: technisch recyclingfähig, nicht recyclingfähig und nicht eindeutig beurteilbar.
Für die potenziell recyclingfähigen Fraktionen haben wir die effektiv verwertbaren Mengen bestimmt. Dabei sind realistische technische Einschränkungen berücksichtigt – etwa Verschmutzungen, Verbundmaterialien oder problematische Zusatzstoffe.
Zentrale Ergebnisse
Unsere Analyse zeigt: Nach Abzug aller Störfaktoren bleiben rund 330’000 Tonnen Kunststoff übrig, die tatsächlich recyclingfähig sind. Ein Teil davon wird bereits stofflich verwertet. Gleichzeitig identifizieren wir rund 253’000 Tonnen, die heute noch energetisch genutzt werden, aber grundsätzlich zusätzlich recycelt werden könnten. Besonders gross ist dieses Potenzial bei Verpackungen.
Die Verknüpfung dieser Daten mit dem Heizwert aus den Schweizer KVA zeigt, dass 22 % des im Jahr 2024 produzierten Heizwerts durch die Verbrennung recyclingfähiger Kunststoffe entstanden sind.
Ökologische Bewertung
Um auch die Voraussetzung der ökologischen Sinnhaftigkeit haben wir zudem die beiden Verwertungswege – Verbrennung und stoffliche Verwertung – anhand einer Ökobilanz verglichen. Dabei berücksichtigen wir den gesamten Prozess, von der Sammlung über die Sortierung bis zum Recycling. Das Ergebnis ist eindeutig: Die stoffliche Verwertung führt zu deutlich geringeren Treibhausgasemissionen. Sie reduziert den Einsatz fossiler Rohstoffe und schont Ressourcen.
Fazit und Ausblick
Ein bedeutender Anteil der heute energetisch verwerteten Kunststoffe könnte stofflich verwertet werden. Damit würden fossile CO2-Emissionen reduziert und Ressourcen geschont.
Mit unserer Studie schaffen wir eine Grundlage, um die Vermeidbarkeit fossiler Abfälle in der energetischen Verwertung ein erstes Mal einzuschätzen.
